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  • Dem Suizid vorbei: die Fragen bleiben

    Vorletzte Woche dürfte ich meine Geschichte erzählen, fünf Abende hintereinander. Grund war eine Einladung einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebenen nach einem Suizid. Außer zwei Kapiteln aus meinem Buch, habe ich erzählt wie ich getroffen worden bin von einer Depression, wie ich meinem Leben ein Ende setzten wollte und wie es mir jetzt geht.

    So eine Lesung ist kein Bühnenstück. Das Publikum erwartet keine tolle Unterhaltung. Jeder hat seine eigene Erfahrung, seine eigene Geschichte. Entweder man kämpft gerade selbst mit einer Depression oder sonstiger psychischen Krankheit, oder kennt einen (Bekannte, Verwandte) der betroffen ist. Dazu sind da die Hinterbliebenen: Menschen die jemanden verloren haben durch Suizid.

    An einem dieser Abenden kommt eine Frau auf mich zu, kurz bevor ich anfangen möchte. Sie hat mir ein kleines Geschenk gekauft. Dazu ist eine Karte, mit Blumen drauf. Sie bittet mich die Karte unbedingt zu lesen, bevor ich anfangen werde. ‚Meine Tochter hat sich das Leben genommen, als sie gerade 29 Jahre jung war. Jedes Mal, wenn Leute von ‚Selbstmord‘ reden, möchte ich darauf hinweisen, wie schwer dieses Wort ist für mich. Weil ich bin eine Mutter und meine Tochter war keine kriminelle Person. Kein Mörder. Im Gegenteil. Das was sie gemacht hat, ist tieftraurig. So grausam. Jedes Mal wann ich dieses schreckliche Wort höre, schmerzt mir mein ganzer Körper.‘, steht auf der Karte geschrieben.

    Nachdem ich meinen Vortrag beendet habe, gibt’s Zeit für ein Gespräch. Hinterbliebenen die versuchen eine Antwort zu finden auf Fragen, womit sie oft schon lange Zeit herumkämpfen. Ich muss gestehen, dass ich keine Antwort habe. Ich habe ‚nur‘ meine Erfahrung und dazu die Erfahrung von Anderen: über die letzten Jahre habe ich eine Menge an Zuschriften erhalten.

    Zwei Männer sind zu meiner Lesung gekommen. Ich vermute, dass sie irgendwo Mitte 40 sind. Sie erzählen mir, wie sie ihren Bruder verloren haben, vor etwa 10 Jahren jetzt. ‚Ich schaffe es nicht mehr, das Leben mal wieder zu genießen.‘, sagt der eine. ‚Früher bin ich immer gerne tanzen gegangen, zusammen mit meiner Frau. Klar, wir gehen immer mal wieder tanzen. Aber es ist einfach nicht mehr so wie es mal war.‘

    Eine jüngere Frau, irgend Anfang 20 steht auf. Ihre Stimme zittert, als sie erzählt, dass sie gerade vor kurzem ihre beste Freundin verloren hat. Sie fragt, ob sie mich kurz umarmen darf. Das machen wir. Währenddessen schweigt das Publikum.

    Ein Ehepaar, Mitte 50. Nur ein paar Monaten her, hat ihr Sohn (35) sich umgebracht. Am gleichen Tag hatte er am Morgen noch einen Termin beim Physiotherapeuten. Es gab eine kleine Verletzung an seinem Arm. Anschließend hat er noch einen neuen Termin gemacht. Er muss aber gewusst haben, dass er den Termin nicht einhalten konnte. Weil am Nachmittag ist er mit seinem Fahrrad über 30 Kilometer gefahren. Später hat er sich ertränkt. Untersuchungen haben herausgestellt, dass er während der Fahrt einen 25 Kilo schweren Stein dabei hatte.

    Die Mutter fragt mich: ‚Woran hat mein Sohn gedacht, als er die Strecke gefahren ist?‘ Die Träne laufen ihr über das Gesicht.

    Wenn der Abend vorbei ist, bekomme ich von jedem die Hand. Man bedankt sich. Aber wofür eigentlich? Ich habe nur meine Erfahrung geteilt, in der Hoffnung, dass es damit für die Andere etwas leichter oder einfacher wird, über ihre eigene Probleme zu sprechen, sei es als Betroffene oder Hinterbliebene. Weil es hilft wenn man über seinen Schmerz reden kann.

    Kurz bevor ich nach Hause gehe, kommt die junge Frau noch einmal auf mich zu. ‚Jeder hatte mich gewarnt. Ich sollte nicht zu deiner Lesung gehen. Es würde zu viel sein. Zu schwer für mich. Jetzt bin ich aber froh, dass ich trotzdem gegangen bin. Ich habe noch eine Menge Fragen. Leider gibt’s keine Zeit mehr. Aber es geht mir besser jetzt. Viel besser.‘

  • DB lässt Rollstuhlfahrer in Hagen stehen. Feuerwehreinsatz, bitte!

    Am vergangenen Mittwochabend habe ich mich gemeldet beim DB Info Punkt, vorne in der großen Halle vom Hauptbahnhof Köln, etwa anderthalb Stunde vor Abreise meines gebuchten Zuges ICE 102 (planmässige Abfahrt 21:10 Uhr) nach Hagen.

    Der zuständige Mitarbeiter hat auf die ausgedruckte Übersicht der Anmeldungen geschaut, meine Anmeldung gefunden und gemeint, ich sollte etwa 20 Minuten vor Abreise wieder zurückkommen. Als ich um 20:50 Uhr wieder beim Info Punkt vorbei schaute, hieß es: der Aufzug zum Gleis 4 ist außer Betreib. Anscheinend hatten kurz bevor ein wenig zuviele Fahrgäste auf einmal versucht sich gemeinsam in den Aufzug reinzupressen. Halbwegs hat der Aufzug gestreikt. Die Feuerwehr hat die Damen en Herren eins nach dem anderen rausgeholt. Und weil der Aufzug aus lauter Glas besteht, hat es eine Menge an Zuschauer gegeben, so erzählte mir ein freundlicher Mitarbeiter, während wir gemeinsam zu meiner alternativen Verbindung unterwegs waren: anstatt mit der ICE 102, sollte ich jetzt mit dem Regionalzug ('National Express‘) von 21:21 Uhr reisen.

    In dem Moment hatte dieser Regionalzug etwa 8 Minuten Verspätung. Weil es nicht klar war, ob in Hagen überhaupt noch jemand vom Service da wäre, wenn der Zug eintreffen würde (mit der Verspätung war die vorgesehene Ankunftszeit kurz nach 22:30 Uhr, wobei die Service in Hagen nur bis 22:30 Uhr da ist), hat man dem Lokführer Bescheid gesagt. Er (oder einer seiner Kollegen) sollte mir eventuell helfen, beim Aussteigen in Hagen.

    Einmal in Hagen auf dem Bahnsteig, habe ich den Schaffner gefragt, wo der Aufzug ist, weil am Plattform war es relativ dunkel. Der Zug ist losgefahren als ich zum Aufzug gelangt bin, nur um festzustellen, dass (auch!) dieser Aufzug außer Betrieb war. Mittlerweile war es schon nach 22:30 Uhr.

    Ein weiterer Fahrgast hat sich um mich gekümmert und ist auf der Suche gegangen nach Hilfe. Glücklicherweise gab es noch jemand der DB Service. Als diese Mitarbeiterin auf mich zukam, lautete ihre Frage sofort wieso ich mich nicht gemeldet hätte in Köln, beim DB Infopunkt. Weil dann hätte man mir nähmlich sagen können, dass der Aufzug in Hagen also nicht ging!

    Entschuldigung? Ich hätte mich nicht gemeldet? Wie kam sie jetzt dazu? Laut ihrer Info aber, so erzählte sie mir, hätte ich mich in Köln überhaupt nicht gemeldet. Sofort habe ich ihr erklärt, dass mich ganz bestimmt und ganz deutlich gemeldet habe. Mehrfach sogar! Und jawohl, ich hatte dabei auch jedes Mal meinen Namen genannt. Wie sonst hätte der DB Service Mitarbeiter in Köln meine Voranmeldung überprüfen können? Wie sonst wäre ich überhaupt in den Zug gelangt: weil in Köln hat man den Hubwagen verwenden müssen, damit ich einsteigen konnte. Und dieser Hubwagen bewegt sich ganz bestimmt nicht von alleine! Da braucht es wirklich einen Mitarbeiter der DB. Und dieser Mitarbeiter erscheint nur, nachdem man sich (an)gemeldet hat!

    Mittlerweile fast 22:45 Uhr stand ich also auf dem Bahnsteig in Hagen, ohne Möglichkeit dies verlassen zu können. Die DB Mitarbeiterin stellte vor, erneut (!) in einen Zug einzusteigen und bei einem weiteren Bahnhof auszusteigen und wieder umzudrehen, damit ich auf einen anderen Bahnsteig in Hagen ankommen würde. Gleichzeitig aber, hat sie ihr Bedenken geäußert darüber, ob dies überhaupt möglich war, weil sie nicht wusste ob beim nächsten Bahnhof noch jemand Vorort war, damit ich geholfen werden konnte beim aus- und wieder einsteigen.

    Dann also habe ich mein Telefon genommen und die 112 gewählt. Der Polizei gegenüber habe ich die Situation erklärt. Nach kurzer Zeit trafen 4 Männer der Feuerwehr ein, die mich also vom Bahnsteig runtergetragen haben. Anschließend habe ich denen meine Personalien übermittelt.
    'Ach, es ist schon mal wieder etwas anderes wie eine Katze vom Baum herunterbekommen!'

    Von der DB Mitarbeiterin habe ich mir schriftlich bestätigen lassen, dass erstens der Aufzug in Hagen nicht geht (ging) und zweitens, dass ihren Informationsangaben nach, ich mich nicht gemeldet hätte in Köln, weswegen man mich nicht informieren konnte, bzgl. den kaputten Aufzug in Hagen. Am nächsten Tag habe ich den Vorfall gemeldet. Die Antwort der DB lautete: ‚Ihr Schreiben haben wir an den Kundendialog weitergeleitet, wo es abschließend bearbeitet und beantwortet wird. Wir bitten Sie bis dahin um etwas Geduld.‘

    Fortsetzung folgt!

  • Die Suizid Prävention und der Terror des Werther Effekts

    ‘Die meisten Leute die uns anrufen, erzählen uns von deren ihrer Einsamkeit.‘, berichtet die niederländische telefonische Hilfe Instanz ‚Sensoor‘. Im schlimmsten Fall führt diese Einsamkeit zu einem Suizidversuch. Vielleicht sollte man hier also ansetzen, wenn es darum geht eine erfolgreiche Prävention zu gestalten?

    In 1999 bin ich vor einen Zug gesprungen. Als ich wieder aufgewacht bin im Krankenhaus, waren meine beiden Beine schon amputiert worden, oberhalb der Knie. Etwa zehn Jahre später habe ich hierüber ein Buch geschrieben. Seitdem halte ich Lesungen und Vorträge im In- und Ausland.

    Ich erzähle darüber wie sich in vielen Fällen ein zweites Problem tut, bei Leuten die leiden an psychische Beschwerden: die Einsamkeit. Ich meine damit das was passiert, wenn man nicht verstanden wird von seiner Umgebung. ‚Es wird schon wieder!‘, als wäre das die Lösung für eine Depression. ‚Mach mal locker!‘, als gut gemeinter Hinweis bei Angst- und Panikattacken. Und wenn sich herausstellt, dass es nicht immer so einfach funktioniert, ist der Patient wohl selber schuld. Der sollte sich einfach mehr Mühe geben und es wird ihm wieder bessergehen. Der Betroffene selber bleibt auf der Strecke, oft begleitet von einem Schuldgefühl.

    Bald folgen die Verzweiflung und die Einsamkeit. Meiner Meinung nach sind es genau diese Emotionen die dazu führen, dass jemand sich entscheidet sich das Leben zu nehmen. Nicht die psychische Krankheit an sich! Der Nachweis ist offensichtlich: im Nachhinein stellt sich fast immer heraus, dass die Person sehr wohl auf der Suche nach Hilfe gegangen ist, bevor er versucht hat, sich umzubringen. Die Kombination einer psychischen Krankheit und Scham, macht das man nicht länger den Unterschied sehen kann zwischen entweder den Problemen ein Ende setzen (was man im Endeffekt möchte) oder gleich mal dem ganzen Leben.

    Auf Grund meiner Erfahrung, bin ich überzeugt davon, dass die Prävention anfangen sollte in der Schule. Weil viele Probleme die später zu einem Suizidversuch führen könnten, melden sich zum ersten Mal gerade in diesem Alter (16-18 Jahre). Sogar auch wenn es gar keine akuten psychischen Beschwerden gibt, könnte die Tatsache dass jetzt schon mal drüber gesprochen wird, einen Suizidversuch auf einem späteren Zeitpunkt vorbeugen. Weil zumindest wird aufgeklärt was passiert, wenn ein Freund, oder Partner oder Kollege getroffen wird von einer Depression. Oder von einer Psychose. Oder von Angstzuständen.

    In Deutschland – im Gegensatz zu z.B. Italien oder Österreich – gibt es eine bestimmte Hemmung wenn es darum geht, über diese Themen zu reden, in einer Schule. Weil es gebe den Werther Effekt: nur das aussprechen vom Wort 'Suizid' würde umgehend zu einer Zunahme der Suizidversuche führen. Es ist wirklich schade, dass der Papageno Effekt anscheinend weniger aussagekräftig ist. Obwohl tatsächlich nachgewiesen worden ist, dass wenn man nicht nur spricht über Suizidgedanken, sondern vor allem darüber wie man über die Problematik hinwegkommt, hieraus eine präventive Wirkung hervorgeht. Anders gesagt: während des Gespräches mit den Schülern, sollte die Problemlösung (sprich eine Alternative zu Suizid wie z.B. eine Therapie, Medikamente) im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen.

    Sich trauen zu reden darüber was los ist, ist der erste Schritt Richtung einer Lösung für ein Problem. Damit dieses reden etwas leichter fällt, findet man in Österreich auch in Krankenhäusern Erfahrungsexperte (Menschen die sich aus eigener Erfahrung auskennen mit psychischer Problematik). Diese Gruppe bildet quasi eine Brücke zwischen Patienten und Ärzte, die im Endeffekt eine Diagnose stellen sollten und dazu die richtige Therapie aussuchen.

    In Italien ist die Menge an Suizid Fälle prozentuell betrachtet um die Hälfte niedriger im Vergleich zu Deutschland. Regelmäßig werde ich eingeladen in einer Schule. Mittlerweile bin ich etwa 400 Schülern im Alter zwischen 16 und 19 Jahre begegnet. Nicht einer hat nach der Lesung sich versucht das Leben zu nehmen. Doch es gab ein Suizid in einer Schule, kurz nachdem ich dort war. Der Schüler hatte die Schule aber schon verlassen, ein Monat vorher. Die Schulleitung meinte, es ist schade, dass er nicht die Möglichkeit hatte, bei dem Vortrag dabei zu sein.

  • ''Verpiss dich mit deinem Scheiß-Rolli!'' II

    Hier geht's zum Teil I.

    Die Polizei lässt sich nicht schnell finden. Schon sehe ich die Mitarbeiter der Deutsche Bahn. Vom weiten sehen die fast gleich aus wie die Polizei, mit deren Uniformen. Sie überwachen den Bahnhof. Ich erzähle von dem Problem mit den Taxifahrern.
    'Dafür sind wir nicht zuständig.', lautet die Antwort. 'Wir beschäftigen uns nur mit dem was passiert innerhalb vom Bahnhof.'

    Ich gehe wieder raus. Gerade in dem Moment kommt die Polizei angefahren. 'So ein Glück!', denk'ich mir.
    Während ein ganz junger Polizist aussteigt, sage ich zu ihm: 'Ich brauche Ihre Hilfe!'
    Der Jungemann schaut mich etwas komisch an.
    Nachdem ich ihm erzählt habe darüber, wie die Taxifahrer mich nicht mitnehmen wollen, zuckt er mit den Schultern.
    'Müssen die auch nicht. Ein Taxi ist wie jeder andere Laden. Nicht jeder der reinkommt, muss geholfen werden.'
    Ich muss gestehen, dass dies eine Neuigkeit ist für mich. Bis dahin war ich überzeugt davon, ein Taxifahrer darf nur Leute verweigern die betrunken sind. Oder aggressiv.

    Der Polizist begleitet mich zurück zu den Taxi's. Er spricht laut als er fragt, ob einer so nett sei, mich einfach mitzunehmen. Einige Fahrer melden sich. Nur wenige Minuten später sitze ich im Taxi. Der Fahrer – den ich vorher nicht gesehen habe – möchte gerne wissen was passiert ist. Ich erzähle.
    Dazu sagt er: 'Es ist alles nicht mehr so wie es mal war.'

    Am nächsten Morgen entscheide ich mich dazu, mit der U-Bahn zum Bahnhof zu fahren. Die Schnauze voll von Taxifahrern, sehe ich dass auf dem Marienplatz es zwei unterschiedliche Linien gibt. Weil ich aber nicht weiß, welche Linie Richtung Bahnhof geht, frage ich einen älteren Herr. Als ich etwas später mit der U-Bahn unterwegs bin, informiere ich mich ob diese Linie wirklich Richtung Hauptbahnhof fährt. Anscheinend ist es aber nicht der Fall. Beim nächsten Station steige ich wieder aus, um und gehe zurück. Diesmal aber, in die richtige Richtung.

    Kurze Zeit später bin ich am Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort gibt's ein Schild zum Aufzug. Der Aufzug aber, ist außer Betrief. Dies steht zumindest auf einem Schild geschrieben, gleich neben dem Aufzug. Ich drucke auf die Tasten. Man weiß ja nie. Vielleicht geht er mittlerweile wieder. Gleichzeitig frage ich mich, wie ich aus der U-Bahn Station wieder rauskomme, sollte der Aufzug nicht gehen. Der Aufzug aber funktioniert. Das heißt, ich sehe wie er rauf und runter geht. Die Türe aber, öffnen sich nicht. Gleich neben der Tür, hängt ein Aufkleber mit darauf eine Notrufnummer.
    Ich rufe an und sage, dass ich im Rollstuhl sitze. Und dass der Aufzug halt nicht geht. Und ob es vielleicht noch ein weiterer Aufzug gibt.
    'Nä, den gibt's nicht.', antwortet mir ein Mann. 'Können Sie nicht mit der Treppe?'
    Ich erkläre ihm, dass ich keine Beine mehr habe.
    'Das einzige was ich Ihnen sozusagen anbieten kann: steigen Sie neu ein und gehen Sie bis zur nächsten Station. Dort steigen Sie wieder aus. Anschließend nehmen Sie die U-Bahn zürück Richtung Hauptbahnhof. Weil an der anderen Seite geht der Aufzug schon.'

    Obwohl mir nicht wirklich danach ist, verstehe ich dass ich keine andere Wahl habe. Als ich die nächste Station erreiche, stellt sich heraus, dass es dort überhaupt kein Aufzug gibt! Noch eine Station weiter also. Dort gibt's ein Aufzug. Und der funktioniert.

    Einige Minuten später fährt die U-Bahn rein, Richtung Bahnhof. Diesmal aber ist der Distanz zwischen Bahnsteig und Wagen schon arg groß. Das werde ich wohl nicht alleine schaffen. Kein Problem, so denke ich mir. Weil ich weiß, dort wo es ein Aufzug gibt, hat der Fahrer eine Rampe dabei. Ich melde mich vorne beim Fahrer. Der Mann öffnet das Fenster und fragt was los ist. Ich sage ihm dass ich die Rampe brauche, damit ich einsteigen kann.
    'Das kann ich nicht machen. Ich hatte vor kurzem einen Bandschreiben Vorfall.', sagt er. Einfach so.
    Ich staune. Wieso fährt dieser Mann diese Linie, wenn er körperlich nicht in der Lage ist, Leute mit einer Mobilitätseinschränkung zu helfen? Das ist wohl Teil seiner Arbeit, so scheint es mir.
    'Warte bitte, bis die nächste U-Bahn kommt. Oder frag halt jemanden.', sagt der Mann, und schließt das Fenster.
    Ich fühle mich etwas im Stich gelassen. Etwas verzweifelt auch. Nur schon deswegen, weil ich weiß, meinen Zug nach Baden-Baden werde ich wohl verpassen. Warten bis die nächste U-Bahn da ist, ist also keine gute Idee. Egal wie kurz oder lange es dauern wird.

    In dem Moment stehen schon einige Passagiere um mich herum. Sie haben das Gespräch mit dem Fahrer mitbekommen und fragen mich, wie sie mir helfen könnten. Ich erkläre denen wie man den Rollstuhl am besten heben kann und wo genau man den anfassen sollte. Nicht dass alle auf einmal versuchen mir zu helfen und meinen Rollstuhl aufheben, und auf einmal hange ich kopfrüber... Aber alles wird gut. Kurz danach sitze ich wieder in der U-Bahn.

    Am Hauptbahnhof schaffe ich es endlich mit dem Aufzug hoch zu gehen. Wenn ich mich melde am DB Schalter, ist der Zug nach Baden-Baden gerade abgefahren. Ich erkläre wieso ich zu spät bin und dass der Aufzug in der U-Bahn Station nicht geht. Und frage, ob ich mit dem nächsten Zug mitfahren darf. Nur gibt's bei meiner Karte eine Zugbindung.
    'Der Aufzug ist nicht unsere Verantwortung.', teilt der Mann am Schalter mit. 'Dazu ist die Gemeinde Stuttgart zuständig.'
    Ich sage dass ich verstehe was er meint. Gleichzeitig aber, zeige ich ihm ein Bild, was ich vorher gemacht habe mit darauf dieses 'Aufzug außer Betrieb' Schild. Der DB Mitarbeiter schaut sich das Bild lange an. Noch bevor er mir mein Telefon zurückgibt, ruft er einen Kollegen an. Nach einem kurzen Telefonat sagt er: ich darf mit, mit dem nächsten Zug. Ohne Zuzahlung.

    Eine kleine Stunde später ist es wohl so weit. In der Zwischenzeit habe ich den Leuten vom SWR in Baden-Baden Bescheid gegeben, dass ich verspätet bin. Der Mann hilft mir an Bord des Zuges.
    'Dem Zugbegleiter habe ich gesagt, dass Sie einen Schein dabei haben für einen frührere Verbindung. Das geht in Ordnung so.'
    Ich danke ihn für seine Unterstützung. Er sagt, er hat es gerne gemacht. Na gut. Anfangs lief es zwar etwas mühsam, aber ich glaube ihm das.

    Etwa zehn Minuten später kommt der Zugbegleiter vorbei. Ich zeige ihn meine Fahrkarte.
    'Dieser Scheint ist aber nicht gültig für diesen Zug.', sagt der Mann und fängt an mir ein Strafzettel zu verteilen.
    Ich seufze tief.
    'Aber ich war zu spät am Bahnhof in Stuttgart, weil der Aufzug hat nicht funktioniert und...', versuche ich ihm zu erklären. 'Und am DB Schalter hat man mir gesagt, man würde Sie informieren darüber, dass ich diese Karte dabei habe!'
    Der Mann, den ich etwa Mitte 30 schätze, schüttelt den Kopf.
    'Keiner hat mir etwas gesagt. Sie müssen den Unterschied zu dem normalen Fahrpreis zahlen. Und dazu einen Zuschlag. Später können Sie sich beschweren bei der Bahn.'
    Ich seufze erneut.
    Dann sage ich: 'Hören Sie mal. Ich zahle überhaupt nichts. Sie können mich bei der nächsten Station einfach rausschmeißen. Ich rufe die 'Bild Zeitung' an, und die 'Stuttgarter Zeitung'. Und auch den SWR. Zufälligerweise bin ich unterwegs zum SWR Studio. Und ich werde allen erzählen, was die DB sich hier leistet, mir gegenüber. Eine Unverschämtheit!'
    Gleichzeig zeige ich ihm das Bild des 'Außer Betrieb' Schildes beim Aufzug in der Stuttgarter U-Bahn. Anscheinend funktioniert es. Der Schaffner sagt, er wird es diesmal durchgehen lassen. Aber beim nächsten Mal, so warnt er mich, bin ich dran.

    Ich kann's immer noch kaum glauben, als ich die Karte und meine Telefon zurück in meine Tasche stecke. In dem moment höre ich die Stimme einer Frau. Sie sitzt an der andere Seite vom Flur.
    'Sind sie Viktor Staudt?'
    Ich schaue hoch und sehe ein freudliches Gesicht einer Jungedame. Sie zeigt mir ihr Tablet, worauf eine Webseite mit dem Umschlag meines Buches.
    'Ich dachte mir schon, als Sie vorher reinkamen, dass Sie es sind. Aber ich war mir nicht sicher. Deswegen habe ich Sie zuerst mal gegoogled.'

    In Karlsruhe muss ich umsteigen. Der Zug ist ein moderner Regionalzug. Das bedeutet, es gibt eine Rampe gleich vorne, damit Rollstuhlfahrer ohne Problem ein- und aussteigen können. Der Schaffner braucht nur den Schlüssel umzudrehen, damit die Rampe von selber rauskommt.
    Noch unterwegs zum Zugwagen, ruft der Zugbegleiter mir entgegen, dass wir die Rampe wohl nicht brauchen werden.
    'Wir schaffen das wolh ohne, oder?!', schreit er laut.
    Ich gehe davon aus, das bedeutet soviel wie: ich habe keine Lust die Rampe rauszuholen. Ich ziehe den Rollstuhl einfach so rein. Egal ob die Räder damit eins abbekommen, sprich: beschädigt werden.

    Lange also brauche ich nicht über seinen Vorschlag nachzudenken. Zwar noch immer voll im Schwung Richung Wagen, antworte ich: 'Ganz und gar nicht. Ich möchte gerne die Rampe verwenden. Die ist dafür gemacht worden, vermute ich mal.'
    Schweigend und etwas sauer holt der Schaffner die Schlüssel hervor womit er den Schluß umdreht, wonach die Rampe herauskommt, bis zum Bahnsteig.
    Nur wenige Minuten später fährt der Zug ab, Richtung Baden-Baden.

    Unterwegs schaue ich auf meinen Telefon und sehe, dass ich eine Nachricht der DB erhalten habe. 'Für Baden-Baden wurde die Hilfe für morgen abgelehnt. Wir haben alle Möglichkeiten geprüft, Ihre angemeldete Hilfe durchzuführen. Im Anhang finden Sie eine Alternative. Bitte teilen Sie uns mit, ob wir für Sie die Alternative anmelden dürfen. Sie erreichen uns täglich von 6 bis 22 Uhr der per Telefon unter 0180 6 512512 ...'
    Die Telefonnmmuer kann ich aber nicht von meinem italienischen Handy aus anrufen. Zwar habe ich diese sogenannte 'Roaming' Möglichkeit, aber die Servicenummer sind leider nicht inbegriffen.

    Auf dem Bahnhof von Baden-Baden steht der Fahrer vom SWR schon bereit. Er weißt von meiner Verzögerung. Jetzt allerdings haben wir nicht mehr ganz so viel Zeit. Ich muss aber unbedingt zum DB Schalter. Ansonten, so befürchte ich, habe ich morgen keinen Anschluß zum Stuttgarter Flughafen.

    Relativ schnell bin ich dran. Die freundliche Mitarbeiterin ruft sofort die Mobilitätsservice-Zentrale an. Dort wird alles erledigt was reisen mit einer Behinderung anbelangt. Das Gespräch dauert vielleicht nur fünf Minuten. Eine gefühlte Ewigkeit. Draußen am Parkplatz steht der Fahrer vom SWR gleich neben dem Auto. Er schaut mich an. Ich versuche mittels Gebärdensprache ihm zu verstehen zu geben, dass ich auch nichts dafür kann. Und dazu, dass ich mich beeile!
    Die Mitarbeiterin legt den Hörer auf.
    Ich schaue sie an. Ich hoffe, sie hat eine gute Nachricht für mich.
    'Meine Kollegin hat Ihnen eine Email geschickt.', sagt sie.
    Ich gucke sofort auf mein Telefon. Eine Email habe ich aber nicht bekommen. Zumindest nicht nach der Email mit der Stornierung der von mir beantragten Hilfeleistung.
    'Doch. Meine Kollegin hat Ihnen gerade nochmal eine Mail geschickt.', behauptet sie.
    Ich gucke nochmals. Aber wieder finde ich keine neue Email der Mobilitätsservice-Zentrale.
    'Vielleicht können Sie mir sagen was in dieser Email drin steht?', frage ich sie.
    Die erste Schweissperlen kommen auf meinen Stirn.
    Es würden an diesem Abend noch viele folgen.
    Die Frau schaut mich an und sagt: 'Ich weiß nicht, was in der Email drin steht.'
    Jetzt spüre aber wirklich etwas von Verzweiflung. Was soll ich machen? Ich kann hier einfach nicht weg, ohne eine bestätigte Verbindung zum Stuttgarter Flughafen, für morgen. Der Flug geht erst um 19:20 Uhr. Es sollte doch irgendwie möglich seine eine Verbindung zu bekommen, damit ich rechtzeitig am Flughafen eintreffe?

    Dazu kommt: ich weiß, dass die Mobilitätsservice-Zentrale um 22:00 Uhr zumacht. Und diese Hilfeleistung sollte man am besten einen Tag vorher beantragen, damit man sicher ist, dass es klappt. Heute Abend aber, werde ich keine Zeit mehr haben. Weil dann bin ich im SWR Studio. Es ist also jetzt oder nie.
    'Könnten Sie bitte, bitte, noch einmal Ihre Kollegin anrufen?', frage ich.
    Ohne Probleme nimmt die Mitarbeiterin erneut das Telefon. Kurz danach gibt sie mir den Hörer.
    'Vielleicht ist es besser, wenn Sie das gleich selber erledigen.', sagt sie.
    Das scheint mir ein wunderbarer Plan.
    Es kostet alles wieder Zeit, aber im Endeffekt klappt's. Ich habe eine Reservierung für den Zug, morgen ab Baden-Baden Richtung Stuttgart Flughafen.

    'Die Fahrt ins Hotel wird wohl etwas länger dauern wie normalerweise der Fall ist.', sagt der Fahrer als ich neben ihm im Auto sitze. 'Da gibt's momentan überal diese Baustellen. Eine Umleitung gibt's nicht wirklich. Ist alles auch schon voll.'
    Ich schaue auf die Uhr. Ich habe noch genau zwanzig Minuten Zeit, bevor ich mich im Studio melden sollte.
    'Ich möchte nur gerne kurz duschen, meine Zähne putzen und mich rasieren. Das war's.', murmele ich.
    Der Fahrer sagt dass das alles keine Problem ist. Er kann mir sogar zehn Minuten extra geben. So ein Glück!

    Kaum in meinem Zimmer (das Hotel 5 Sterne!), gehe ich sofort ins Bad. Die Dusche ist zwar barrierefrei, nur gibt's keinen Stuhl. Genauso wenig gibt's ein Klappsitz. Witzig: aller Wahrscheinlichkeit nach, hat es irgendwann schon einen Klappsitz gegeben. Weil die Löcher in der Wand, dort wo mal die Schrauben waren, sind deutlich sichtbar.
    Ich rufe an bei der Rezeption und bitte um einen Stuhl für unter der Dusche. Etwas aus Plastik oder so. Kurz danach wird an die Tür geklopft. Dort steht ein Mitarbeiter des Hotels. In seinen Händen hält er etwas fest was aussieht wie ein vergrößerter Weinkühler.
    'Ich konnte auf die Schnelle nicht etwas anderes finden.' sagt er. Es hört sich entschuldigend an. 'Aber hiermit kommen Sie vielleicht schon zurecht?'

    Weil ich eigentlich überhaupt keine Zeit mehr habe, nehme ich den Weinkühler und mache die Tür zu. Den Kühler stelle ich auf den Boden. Der wird mir natürlich gar nichst bringen. Schlussendlich kann ich mich nur auf den Boden setzte, unter der Dusche. Fast kommen mir die Träne. Kurz überleg ich mir ernsthaft, das ganze für heute Abend abzusagen. Aber ich weiß, die Leute im Studio warten auf mich. Und sie können auch nichts dafür. Wenn ich jetzt anrufe und absage, wird das alles nur noch schlimmer.
    Kaum eine Viertelstunde später bin ich wieder unten beim Empfang. Geduscht und rasiert. Und die Zähne habe ich auch noch putzen können.

    Am nächsten Morgen begleitet eine Mitarbeiterin der DB mich bis zum Gleis wo der Zug nach Karslruhe abfahren wird. Weil der Aufzug am Bahnhof von Baden-Baden ganz am Ende vom Bahnsteig ist, spazieren wir eine kleine Strecke hin und wieder zurück. Das heißt: die Frau spaziert. Ich fahre. Als wir endlich dort angekommen sind, wo der Zugwagen mit der Rampe anhalten sollte, klingelt bei ihr das Telefon. Nachdem sie aufgelegt hat, schaut sie mich an und sagt: 'Tut mir Leid. Aber der Zug kommt jetzt auf dem anderen Gleis rein. Wir müssen also nochmal zurück.'
    Ich krieg die Krise. Was soll das jetzt? Das wird doch wohl heute nicht eine Wiederholung von gestern? Wielange wird dieser Murphy sein Gesetz noch gelten lassen?

    Der Umstieg in Karlsruhe nach Stuttgart geht ohne Probleme. Ich stelle meine Tasche auf den Boden bevor ich mich selber aus meinem Rollstuhl raus, auf den Sitzplatz umsetzen möchte. Dann sehe ich die nette, freundliche junge Dame die gestern ebenso bei mir im Zug saß.
    'Unglaublich!', klingt es von beiden Seiten fast gleichzeitig.
    Die Fahrt nach Stuttgart geht wie am Schnürchen. Wir quatschen einfach ohne Pause. Angeblich haben wir uns viel zu erzählen.
    Bevor ich in Stuttgart aussteige, gebe ich ihr meine Email Adresse. Ein paar Tage wird sie mir eine Nachricht schicken. Eine neue Freundschaft ist geboren.

  • ''Verpiss dich mit deinem Scheiß-Rolli!''

    Es fehlt teilweise das Bewusstsein, wie Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung sich bewegen innerhalb der Gesellschaft. Die Art und Weise wie ich damit vor kurzem konfrontiert worden bin aber, würde ich allerdings als erfrischend bezeichnen.

    Letzte Woche Mittwoch traf ich kurz vor Mitternacht ein am Stuttgarter Hauptbahnhof. Ich war unterwegs für die Aufzeichnung einer Fernsehsendung. An der Vorderseite des Bahnhofes, standen die Taxis's. Weil ich gerade zwei Kurzstrecken mit dem Flugzeug und einen Zugfahrt hinter mir hatte, wollte ich mir ein Taxi gönnen, damit ich die letzten Kilometer bis ins Hotel überbrücken konnte.

    Etwas müde aber trotzdem freundlich, frag ich den Fahrer des Autos was als erste an der Reihe ist, ab er mich mitnehmen kann zum Marienplatz. Der Fahrer – auf Grund seiner Deutschkenntnisse vermute ich einen Migrationshintergrund – antwortet mir: 'Rollstuhl geht nicht.'

    Es ist nicht das erste Mal dass ein Taxifahrer schlichtweg verweigert mich mitzunehmen, nur weil ich im Rollstuhl unterwegs bin. Ohne mich aber über seine Antwort aufzuregen, erkläre ich ihm kurz und sachlich wie ich die Räder meines Rollstuhls abnehmen kann, die Rückenlehne nach vorne klappen, damit das alles klein und kompakt wird. Auf diese Weise sollte es wohl möglich sein, mich und meinen Rollstuhl mitzunehmen. Der Fahrer aber, den ich irgendwo Mitte 30 schätze, beharrt.
    'Nicht mit Rollstuhl. Geh zum Kollegen mit Kombi.'

    Ich zucke mit den Schultern und lass es sein. Wahrscheinlich weil ich einfach zu müde bin mich weiter mit ihm auseinanderzusetzen. Ich möchte nur noch ins Hotel und ab ins Bett.

    Der 'Kollege-mit-Kombi' steht drie, vier Auto's weiter weg. Wenn ich ihn frage ob er mich zum Marienplatz bringen könnte, fragt er mit einem schwäbischen Akzent, wieso sein Kollege der ganz vorne steht, das nicht macht.
    'Ihr Kollege meint, mein Rollstuhl könne nicht mit.', antworte ich. 'Obwohl ich ihm erklärt habe, dass es kein Problem ist.'
    Anschließend erkläre ich erneut wie man meinen Rollstuhl in wirklich jedes kleines Auto mitnehmen kann. Ich war mal unterwegs mit einem Mini, zur Zweit. Und auch das hat geklappt.

    Ohne weiter etwas zu sagen, spaziert der Schwabe nach vorne. Er diskutiert mit dem Fahrer. Auch ich bin dabei.
    'Rollstuhl geht nicht. Heute morgen, ich hatte Probleme mit Rollstuhl.' erwidert der erste Fahrer. Daraufhin fragt der ältere Mann ob ich seinem jüngeren Kollegen noch einmal erklären könnte, wie es mit meinem Rollstuhl funktioniert. Obwohl mein Ärger sich bemerkbar macht und mein Herz anfängt ein ganz wenig schneller zu schlagen, erkläre also nochmals wie das alles geht.

    Gerade alles nochmal ausführlich auseinandergesetzt, wie ich die Räder abmachen kann und die Rückenlehne nach vorne klappen, fragt der unfreundliche Fahrer: 'Also, Rollstuhl zusammenfalten, ja?'

    Und weil ich auch nur ein Mensch bin, und einen langen Tag hinter mir habe, schreie ich auf einmal: 'Nein, Idiot! Nicht zusammenfalten! Ich dir schon dreimal gesagt wie es geht!'

    Wie von einem Hund gebissen, macht der Fahrer einen Schritt zurück und ruft dass er aggressive Kunden nicht mitnimmt! Ich schaue um mich herum. Ich vermute, weil ich hoffe, dass einer von den anderen mir vielleicht hilft. Aber keiner macht etwas. Alle gucken nur zu.

    Ich sage laut, dass es eine Unverschämtheit ist, dass keiner mich einfach mitnehmen will. Eine Reaktion der Fahrer bleibt aus.

    Dann also dass ich die Polizei holen werde. Gerade wenn ich mich umdrehe, damit ich zurück ins Bahnhof gehen kann, auf der Suche nach der Polizei, höre ich wie der durchaus unfreundliche Fahrer mich anschnauzt: 'Verpiss dich mit deinem Scheiß-Rolli!'

    Hier geht's zum Teil II.

  • Die Vergangenheit meldet sich zweimal

    Manchmal ist man der Meinung, definitiv abgeschlossen zu haben mit bestimmten Sachen aus der Vergangenheit. Das bedeutet aber nicht, dass die Vergangenheit auch abgeschlossen hat mit dir. Sie wartet nur auf den richtigen Moment, damit sie dich noch einmal konfrontiert damit, was mal war.

    Letztes Jahr, an einem schönen Spätfrühlingstag, war ich unterwegs in Amsterdam, zusammen mit einem Fernsehteam des WDR. Wir waren dabei Aufnahmen zu machen für 'Menschen hautnah'. Zuerst ging es Richtung Bahnhof 'Amsterdam RAI'. An diesem Ort bin ich am 12. November 1999 vor einen IC gesprungen. Ich wollte mich umbringen.

    Danach was der Amsterdamer Vondelpark dran. Während ich in der niederländischen Hauptstadt gelebt habe (Jahren '90), bin ich hier viele Kilometer gelaufen.

    Weder der Bahnhof, weder der Park waren für mich neu. Das heißt: nachdem mein Buch 'Die Geschichte meines Selbstmords' erschienen ist, war ich schon mehrmals dort, um einen Fernsehbeitrag aufzuzeichnen.

    Später haben haben wir den Polizisten besucht, der mich gerettet hat. Nachdem der Schaffner des Zuges ein Tuch über mich her gelegt hatte - weil er meinte, ich wäre schon verstorben - hat der Polizist dieses Tuch hochgehoben um festzustellen dass ich noch am Leben war. Weil ich sollte mich bewegt haben. Etwas woran ich mich übrigens nicht erinnern kann.

    Im Amsterdamer Polizeirevier sind wir herzlichst begrüßt worden. Eine Kollegin die Ende 2012 eine Lesung von mir besucht hat, meinte: 'Heute morgen habe ich an dich denken müssen!' Sie erzählte wie ein Kollege gerade in der letzten Nacht mit einem Suizidfall zu tun hatte und sich gefragt, wieso Leute sich dazu entscheiden, sich das Leben zu nehmen. Darauf hätte sie gesagt: 'Wir hatten mal einen Mann, der hat es überlebt aber. Und jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben.'

    Zurück zum Flughafen führte der Weg an die Hemonystraße entlang, im Künstlerviertel. Hier habe ich fast 10 Jahren gelebt und es war genau an dieser Stelle wo ich an dem Freitagnachmittag in November die Tür hinter mir geschlossen habe und Richtung Bahnhof gefahren bin, mit der Absicht, mich selbst zu töten.

    Es war nicht das erste Mal seit November 1999, dass ich dieses Haus, wo ich schöne und viele schlechte Zeiten durchgemacht habe, wiedersah. Weil als mein Buch in den Niederlanden erschien (Ende 2012), war ich eingeladen worden für ein Fraggespräch in einem Fernsehstudio in der Hauptstadt. Abends bin ich mit einem Bekannten an das alte Haus vorbeigefahren. Es sah haargenau so aus, wie an dem Tag als ich die Wohnung verlassen hatte. Nur mit einem Unterschied: jetzt stand es komplett leer. Es war alles dunkel. Und gleich nebenan war eine große Baustelle. Der Bekannte meinte, das Haus würde bald abgerissen.

    Jetzt aber war die Baustelle weg und das Haus noch immer da. Nur halt komplett neu renoviert. Wirklich toll gemacht. Sogar die ganz kleine, feine Details sind beibehalten worden. Genau so wie ich mich sie erinnere. Nur halt wesentlich schöner wie es jemals war, weil renoviert. Die silbergefärbte Hausnummer '23' glänzte in der Frühlingssonne.

    Nachdem wir angehalten hatten, habe ich kurz gezögert, die Straße zu überqueren und erneut die Tür anzufassen, zum ersten Mal nachdem ich sie vor etwa 16 Jahren hinter mir geschlossen habe. In meinem Rollstuhl fuhr ich über den gleichen Bürgersteig, worüber ich so oft mit beiden Beinen gegangen bin. Es fühlte sich komisch an: fast als würde ich wieder heimkommen.

    Die letzte 15 Jahren schienen auf einmal wie gelöscht. Ausradiert. Sogar die Erinnerungen aus diesem Zeitraum, die alle gleichzeitig durch meinen Kopf spielten, kamen mir vor als würden sie erst gestern passiert sein. Oder höchstens letzte Woche.

    Gerade in dem Moment kam ein junger Mann anspaziert. Er hatte einen kleinen Hund dabei.

    'Ich habe hier längerer Zeit gelebt.', erzählte ich ihm, als er mitbekommen hatte, dass ich gerade über das Gebäude sprach, vor laufenden Kamera. 'Und jetzt machen wir einen Dokumentarfilm.'

    Seiner Reaktion entnahm ich, dass er mich nicht als Schriftsteller des Buches erkannte.

    'Magst du vielleicht mal kurz reinschauen?', schlug er vor. 'Damit du sehen kannst, wie es jetzt aussieht?'

    Ich erzählte ihm, dass ich nicht im Erdgeschoss, sondern im ersten und später im zweiten Stock gelebt habe.

    'Du hast das Haus vorher nie gesehen, so wie es mal war?', fragte ich ihn.

    Der Mann, ich schätze ihn irgendwo Ende 20, schüttelte seinen Kopf.

    'Ganz früher, sollte es mal ein Hotel gewesen sein. Und da, auf der Ecke, gab es mal eine Bäckerei.', erzählte ich. 'Der war aber damals schon weg. Und gleich gegenüber, gab es einen Imbiss.'

    'Der Imbiss gibt's nicht mehr.', antwortete der Junge Mann. 'Jetzt gibt's dort ein tolles Restaurant.'

    Anschließend fragte er mich, wieso ich damals gegangen bin.

    Im dem Moment habe ich ihm meine Geschichte erzählt.

    'Dein Buch aber will ich ganz bestimmt lesen. Wie heißt du nochmal?', reagierte er interessiert. Als wir uns verabschiedeten, gab ich ihm die Hand.

    Später fragte die WDR Journalistin mich: 'Wie war das jetzt für dich?'
    Ich musste kurz überlegen, bevor ich drauf Antworten konnte.
    'Es ist gut so.', sagte ich. 'Da lebt jetzt ein 'neuer Viktor'. Und ich hoffe wirklich, dass dieser neue Viktor alles genießen kann, was das Leben ihm hier zu bieten hat, ohne dass jemals ein Schatten der Depression oder Angst oder Panik, drüber fällt.'

    Als ich zurückkam in mein Hotelzimmer, überlegte ich mir, ob dies jetzt ein schöner, oder ein schlechter Tag war. Waren die guten Erinnerungen an meine Zeit in Amsterdam wohl übermäßig verstärkt worden von der warmer Frühlingssonne, und damit in der Lage zumindest teilweise die schlechten, manchmal bösen Erinnerungen quasi auszulöschen und dazu eine Sehnsucht nach einer Wiederholung dieser Zeit – diesmal bitte ohne Depression! – anzuregen?

    Ich setzte mir meinen Kopfhörer auf und startete die Musik. Nach weniger wie eine Minute, liefen die Tränen runter und brach ich zusammen, einfach überwältigt von allen Emotionen.

    Später am Abend kam eine WhatsApp Nachricht rein vom einem Schwimmkumpel. Obwohl unser Nachrichtenaustausch sich normalerweise nur beschäftigt damit wann wir uns im Hallenbad treffen werden, schickte er mir an diesem Abend ein Bild. Einfach so. Auf dem Bild standen die von der Sonne verwöhnten Hügel rund um Bologna, seit einiger Zeit meine Wahlheimat. Darunter war geschrieben: 'Wünsche dir einen schönen Sonntag. Und komm gut wieder Heim.'

    Die Vergangenheit hat jetzt mit mir abgeschlossen.

    Die Zukunft aber, noch lange nicht.

    'Zum Glück gescheitert' in der Reihe Menschen hautnah' WDR, Donnerstag den 03. März um 22:40 Uhr