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  • Die Vergangenheit meldet sich zweimal

    Manchmal ist man der Meinung, definitiv abgeschlossen zu haben mit bestimmten Sachen aus der Vergangenheit. Das bedeutet aber nicht, dass die Vergangenheit auch abgeschlossen hat mit dir. Sie wartet nur auf den richtigen Moment, damit sie dich noch einmal konfrontiert damit, was mal war.

    Letztes Jahr, an einem schönen Spätfrühlingstag, war ich unterwegs in Amsterdam, zusammen mit einem Fernsehteam des WDR. Wir waren dabei Aufnahmen zu machen für 'Menschen hautnah'. Zuerst ging es Richtung Bahnhof 'Amsterdam RAI'. An diesem Ort bin ich am 12. November 1999 vor einen IC gesprungen. Ich wollte mich umbringen.

    Danach was der Amsterdamer Vondelpark dran. Während ich in der niederländischen Hauptstadt gelebt habe (Jahren '90), bin ich hier viele Kilometer gelaufen.

    Weder der Bahnhof, weder der Park waren für mich neu. Das heißt: nachdem mein Buch 'Die Geschichte meines Selbstmords' erschienen ist, war ich schon mehrmals dort, um einen Fernsehbeitrag aufzuzeichnen.

    Später haben haben wir den Polizisten besucht, der mich gerettet hat. Nachdem der Schaffner des Zuges ein Tuch über mich her gelegt hatte - weil er meinte, ich wäre schon verstorben - hat der Polizist dieses Tuch hochgehoben um festzustellen dass ich noch am Leben war. Weil ich sollte mich bewegt haben. Etwas woran ich mich übrigens nicht erinnern kann.

    Im Amsterdamer Polizeirevier sind wir herzlichst begrüßt worden. Eine Kollegin die Ende 2012 eine Lesung von mir besucht hat, meinte: 'Heute morgen habe ich an dich denken müssen!' Sie erzählte wie ein Kollege gerade in der letzten Nacht mit einem Suizidfall zu tun hatte und sich gefragt, wieso Leute sich dazu entscheiden, sich das Leben zu nehmen. Darauf hätte sie gesagt: 'Wir hatten mal einen Mann, der hat es überlebt aber. Und jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben.'

    Zurück zum Flughafen führte der Weg an die Hemonystraße entlang, im Künstlerviertel. Hier habe ich fast 10 Jahren gelebt und es war genau an dieser Stelle wo ich an dem Freitagnachmittag in November die Tür hinter mir geschlossen habe und Richtung Bahnhof gefahren bin, mit der Absicht, mich selbst zu töten.

    Es war nicht das erste Mal seit November 1999, dass ich dieses Haus, wo ich schöne und viele schlechte Zeiten durchgemacht habe, wiedersah. Weil als mein Buch in den Niederlanden erschien (Ende 2012), war ich eingeladen worden für ein Fraggespräch in einem Fernsehstudio in der Hauptstadt. Abends bin ich mit einem Bekannten an das alte Haus vorbeigefahren. Es sah haargenau so aus, wie an dem Tag als ich die Wohnung verlassen hatte. Nur mit einem Unterschied: jetzt stand es komplett leer. Es war alles dunkel. Und gleich nebenan war eine große Baustelle. Der Bekannte meinte, das Haus würde bald abgerissen.

    Jetzt aber war die Baustelle weg und das Haus noch immer da. Nur halt komplett neu renoviert. Wirklich toll gemacht. Sogar die ganz kleine, feine Details sind beibehalten worden. Genau so wie ich mich sie erinnere. Nur halt wesentlich schöner wie es jemals war, weil renoviert. Die silbergefärbte Hausnummer '23' glänzte in der Frühlingssonne.

    Nachdem wir angehalten hatten, habe ich kurz gezögert, die Straße zu überqueren und erneut die Tür anzufassen, zum ersten Mal nachdem ich sie vor etwa 16 Jahren hinter mir geschlossen habe. In meinem Rollstuhl fuhr ich über den gleichen Bürgersteig, worüber ich so oft mit beiden Beinen gegangen bin. Es fühlte sich komisch an: fast als würde ich wieder heimkommen.

    Die letzte 15 Jahren schienen auf einmal wie gelöscht. Ausradiert. Sogar die Erinnerungen aus diesem Zeitraum, die alle gleichzeitig durch meinen Kopf spielten, kamen mir vor als würden sie erst gestern passiert sein. Oder höchstens letzte Woche.

    Gerade in dem Moment kam ein junger Mann anspaziert. Er hatte einen kleinen Hund dabei.

    'Ich habe hier längerer Zeit gelebt.', erzählte ich ihm, als er mitbekommen hatte, dass ich gerade über das Gebäude sprach, vor laufenden Kamera. 'Und jetzt machen wir einen Dokumentarfilm.'

    Seiner Reaktion entnahm ich, dass er mich nicht als Schriftsteller des Buches erkannte.

    'Magst du vielleicht mal kurz reinschauen?', schlug er vor. 'Damit du sehen kannst, wie es jetzt aussieht?'

    Ich erzählte ihm, dass ich nicht im Erdgeschoss, sondern im ersten und später im zweiten Stock gelebt habe.

    'Du hast das Haus vorher nie gesehen, so wie es mal war?', fragte ich ihn.

    Der Mann, ich schätze ihn irgendwo Ende 20, schüttelte seinen Kopf.

    'Ganz früher, sollte es mal ein Hotel gewesen sein. Und da, auf der Ecke, gab es mal eine Bäckerei.', erzählte ich. 'Der war aber damals schon weg. Und gleich gegenüber, gab es einen Imbiss.'

    'Der Imbiss gibt's nicht mehr.', antwortete der Junge Mann. 'Jetzt gibt's dort ein tolles Restaurant.'

    Anschließend fragte er mich, wieso ich damals gegangen bin.

    Im dem Moment habe ich ihm meine Geschichte erzählt.

    'Dein Buch aber will ich ganz bestimmt lesen. Wie heißt du nochmal?', reagierte er interessiert. Als wir uns verabschiedeten, gab ich ihm die Hand.

    Später fragte die WDR Journalistin mich: 'Wie war das jetzt für dich?'
    Ich musste kurz überlegen, bevor ich drauf Antworten konnte.
    'Es ist gut so.', sagte ich. 'Da lebt jetzt ein 'neuer Viktor'. Und ich hoffe wirklich, dass dieser neue Viktor alles genießen kann, was das Leben ihm hier zu bieten hat, ohne dass jemals ein Schatten der Depression oder Angst oder Panik, drüber fällt.'

    Als ich zurückkam in mein Hotelzimmer, überlegte ich mir, ob dies jetzt ein schöner, oder ein schlechter Tag war. Waren die guten Erinnerungen an meine Zeit in Amsterdam wohl übermäßig verstärkt worden von der warmer Frühlingssonne, und damit in der Lage zumindest teilweise die schlechten, manchmal bösen Erinnerungen quasi auszulöschen und dazu eine Sehnsucht nach einer Wiederholung dieser Zeit – diesmal bitte ohne Depression! – anzuregen?

    Ich setzte mir meinen Kopfhörer auf und startete die Musik. Nach weniger wie eine Minute, liefen die Tränen runter und brach ich zusammen, einfach überwältigt von allen Emotionen.

    Später am Abend kam eine WhatsApp Nachricht rein vom einem Schwimmkumpel. Obwohl unser Nachrichtenaustausch sich normalerweise nur beschäftigt damit wann wir uns im Hallenbad treffen werden, schickte er mir an diesem Abend ein Bild. Einfach so. Auf dem Bild standen die von der Sonne verwöhnten Hügel rund um Bologna, seit einiger Zeit meine Wahlheimat. Darunter war geschrieben: 'Wünsche dir einen schönen Sonntag. Und komm gut wieder Heim.'

    Die Vergangenheit hat jetzt mit mir abgeschlossen.

    Die Zukunft aber, noch lange nicht.

    'Zum Glück gescheitert' in der Reihe Menschen hautnah' WDR, Donnerstag den 03. März um 22:40 Uhr