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  • Die Suizid Prävention und der Terror des Werther Effekts

    ‘Die meisten Leute die uns anrufen, erzählen uns von deren ihrer Einsamkeit.‘, berichtet die niederländische telefonische Hilfe Instanz ‚Sensoor‘. Im schlimmsten Fall führt diese Einsamkeit zu einem Suizidversuch. Vielleicht sollte man hier also ansetzen, wenn es darum geht eine erfolgreiche Prävention zu gestalten?

    In 1999 bin ich vor einen Zug gesprungen. Als ich wieder aufgewacht bin im Krankenhaus, waren meine beiden Beine schon amputiert worden, oberhalb der Knie. Etwa zehn Jahre später habe ich hierüber ein Buch geschrieben. Seitdem halte ich Lesungen und Vorträge im In- und Ausland.

    Ich erzähle darüber wie sich in vielen Fällen ein zweites Problem tut, bei Leuten die leiden an psychische Beschwerden: die Einsamkeit. Ich meine damit das was passiert, wenn man nicht verstanden wird von seiner Umgebung. ‚Es wird schon wieder!‘, als wäre das die Lösung für eine Depression. ‚Mach mal locker!‘, als gut gemeinter Hinweis bei Angst- und Panikattacken. Und wenn sich herausstellt, dass es nicht immer so einfach funktioniert, ist der Patient wohl selber schuld. Der sollte sich einfach mehr Mühe geben und es wird ihm wieder bessergehen. Der Betroffene selber bleibt auf der Strecke, oft begleitet von einem Schuldgefühl.

    Bald folgen die Verzweiflung und die Einsamkeit. Meiner Meinung nach sind es genau diese Emotionen die dazu führen, dass jemand sich entscheidet sich das Leben zu nehmen. Nicht die psychische Krankheit an sich! Der Nachweis ist offensichtlich: im Nachhinein stellt sich fast immer heraus, dass die Person sehr wohl auf der Suche nach Hilfe gegangen ist, bevor er versucht hat, sich umzubringen. Die Kombination einer psychischen Krankheit und Scham, macht das man nicht länger den Unterschied sehen kann zwischen entweder den Problemen ein Ende setzen (was man im Endeffekt möchte) oder gleich mal dem ganzen Leben.

    Auf Grund meiner Erfahrung, bin ich überzeugt davon, dass die Prävention anfangen sollte in der Schule. Weil viele Probleme die später zu einem Suizidversuch führen könnten, melden sich zum ersten Mal gerade in diesem Alter (16-18 Jahre). Sogar auch wenn es gar keine akuten psychischen Beschwerden gibt, könnte die Tatsache dass jetzt schon mal drüber gesprochen wird, einen Suizidversuch auf einem späteren Zeitpunkt vorbeugen. Weil zumindest wird aufgeklärt was passiert, wenn ein Freund, oder Partner oder Kollege getroffen wird von einer Depression. Oder von einer Psychose. Oder von Angstzuständen.

    In Deutschland – im Gegensatz zu z.B. Italien oder Österreich – gibt es eine bestimmte Hemmung wenn es darum geht, über diese Themen zu reden, in einer Schule. Weil es gebe den Werther Effekt: nur das aussprechen vom Wort 'Suizid' würde umgehend zu einer Zunahme der Suizidversuche führen. Es ist wirklich schade, dass der Papageno Effekt anscheinend weniger aussagekräftig ist. Obwohl tatsächlich nachgewiesen worden ist, dass wenn man nicht nur spricht über Suizidgedanken, sondern vor allem darüber wie man über die Problematik hinwegkommt, hieraus eine präventive Wirkung hervorgeht. Anders gesagt: während des Gespräches mit den Schülern, sollte die Problemlösung (sprich eine Alternative zu Suizid wie z.B. eine Therapie, Medikamente) im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen.

    Sich trauen zu reden darüber was los ist, ist der erste Schritt Richtung einer Lösung für ein Problem. Damit dieses reden etwas leichter fällt, findet man in Österreich auch in Krankenhäusern Erfahrungsexperte (Menschen die sich aus eigener Erfahrung auskennen mit psychischer Problematik). Diese Gruppe bildet quasi eine Brücke zwischen Patienten und Ärzte, die im Endeffekt eine Diagnose stellen sollten und dazu die richtige Therapie aussuchen.

    In Italien ist die Menge an Suizid Fälle prozentuell betrachtet um die Hälfte niedriger im Vergleich zu Deutschland. Regelmäßig werde ich eingeladen in einer Schule. Mittlerweile bin ich etwa 400 Schülern im Alter zwischen 16 und 19 Jahre begegnet. Nicht einer hat nach der Lesung sich versucht das Leben zu nehmen. Doch es gab ein Suizid in einer Schule, kurz nachdem ich dort war. Der Schüler hatte die Schule aber schon verlassen, ein Monat vorher. Die Schulleitung meinte, es ist schade, dass er nicht die Möglichkeit hatte, bei dem Vortrag dabei zu sein.