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  • Dem Suizid vorbei: die Fragen bleiben

    Vorletzte Woche dürfte ich meine Geschichte erzählen, fünf Abende hintereinander. Grund war eine Einladung einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebenen nach einem Suizid. Außer zwei Kapiteln aus meinem Buch, habe ich erzählt wie ich getroffen worden bin von einer Depression, wie ich meinem Leben ein Ende setzten wollte und wie es mir jetzt geht.

    So eine Lesung ist kein Bühnenstück. Das Publikum erwartet keine tolle Unterhaltung. Jeder hat seine eigene Erfahrung, seine eigene Geschichte. Entweder man kämpft gerade selbst mit einer Depression oder sonstiger psychischen Krankheit, oder kennt einen (Bekannte, Verwandte) der betroffen ist. Dazu sind da die Hinterbliebenen: Menschen die jemanden verloren haben durch Suizid.

    An einem dieser Abenden kommt eine Frau auf mich zu, kurz bevor ich anfangen möchte. Sie hat mir ein kleines Geschenk gekauft. Dazu ist eine Karte, mit Blumen drauf. Sie bittet mich die Karte unbedingt zu lesen, bevor ich anfangen werde. ‚Meine Tochter hat sich das Leben genommen, als sie gerade 29 Jahre jung war. Jedes Mal, wenn Leute von ‚Selbstmord‘ reden, möchte ich darauf hinweisen, wie schwer dieses Wort ist für mich. Weil ich bin eine Mutter und meine Tochter war keine kriminelle Person. Kein Mörder. Im Gegenteil. Das was sie gemacht hat, ist tieftraurig. So grausam. Jedes Mal wann ich dieses schreckliche Wort höre, schmerzt mir mein ganzer Körper.‘, steht auf der Karte geschrieben.

    Nachdem ich meinen Vortrag beendet habe, gibt’s Zeit für ein Gespräch. Hinterbliebenen die versuchen eine Antwort zu finden auf Fragen, womit sie oft schon lange Zeit herumkämpfen. Ich muss gestehen, dass ich keine Antwort habe. Ich habe ‚nur‘ meine Erfahrung und dazu die Erfahrung von Anderen: über die letzten Jahre habe ich eine Menge an Zuschriften erhalten.

    Zwei Männer sind zu meiner Lesung gekommen. Ich vermute, dass sie irgendwo Mitte 40 sind. Sie erzählen mir, wie sie ihren Bruder verloren haben, vor etwa 10 Jahren jetzt. ‚Ich schaffe es nicht mehr, das Leben mal wieder zu genießen.‘, sagt der eine. ‚Früher bin ich immer gerne tanzen gegangen, zusammen mit meiner Frau. Klar, wir gehen immer mal wieder tanzen. Aber es ist einfach nicht mehr so wie es mal war.‘

    Eine jüngere Frau, irgend Anfang 20 steht auf. Ihre Stimme zittert, als sie erzählt, dass sie gerade vor kurzem ihre beste Freundin verloren hat. Sie fragt, ob sie mich kurz umarmen darf. Das machen wir. Währenddessen schweigt das Publikum.

    Ein Ehepaar, Mitte 50. Nur ein paar Monaten her, hat ihr Sohn (35) sich umgebracht. Am gleichen Tag hatte er am Morgen noch einen Termin beim Physiotherapeuten. Es gab eine kleine Verletzung an seinem Arm. Anschließend hat er noch einen neuen Termin gemacht. Er muss aber gewusst haben, dass er den Termin nicht einhalten konnte. Weil am Nachmittag ist er mit seinem Fahrrad über 30 Kilometer gefahren. Später hat er sich ertränkt. Untersuchungen haben herausgestellt, dass er während der Fahrt einen 25 Kilo schweren Stein dabei hatte.

    Die Mutter fragt mich: ‚Woran hat mein Sohn gedacht, als er die Strecke gefahren ist?‘ Die Träne laufen ihr über das Gesicht.

    Wenn der Abend vorbei ist, bekomme ich von jedem die Hand. Man bedankt sich. Aber wofür eigentlich? Ich habe nur meine Erfahrung geteilt, in der Hoffnung, dass es damit für die Andere etwas leichter oder einfacher wird, über ihre eigene Probleme zu sprechen, sei es als Betroffene oder Hinterbliebene. Weil es hilft wenn man über seinen Schmerz reden kann.

    Kurz bevor ich nach Hause gehe, kommt die junge Frau noch einmal auf mich zu. ‚Jeder hatte mich gewarnt. Ich sollte nicht zu deiner Lesung gehen. Es würde zu viel sein. Zu schwer für mich. Jetzt bin ich aber froh, dass ich trotzdem gegangen bin. Ich habe noch eine Menge Fragen. Leider gibt’s keine Zeit mehr. Aber es geht mir besser jetzt. Viel besser.‘