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  • ''Ich fühle mich hier sauwohl!''

    Über Entscheidungen treffen, endgültig Türe schliessen, Schiffe hinter sich verbrennen

    Heute Nacht konnte ich nicht schlafen. War es der Vollmond? Wie es auch sei, vor mir auf dem Tisch steht jetzt ein Kaffeebecher, den ich mir erst vor kurzem gekauft habe. Drin ist Kaffee, frisch gekocht. Die Kaffeemaschine habe ich übrigens kaum eine Woche. Genauso wie der (Ikea Ektorp) Couch. Und auch der Fernseher. Alles neu. Sogar der Tisch worauf der Fernseher steht, da sind noch die Verpackungs-Schutzstreifen dran.

    Nicht nur die Sachen um mich herum, sondern auch die Wohnung ist nigelnagelneu. Und wo befindet sich das alles? In Warschau. Mitten im Zentrum.

    Warschau?!

    Wenn heute vor einem Jahr jemand zu mir gesagt hätte: 'Hör mal Viktor, in einem Jahr lebst du in Warschau!', hätte ich wahrscheinlich nur komisch geschaut. Wieso, Warschau? Was soll ich dort um Himmelswillen? Wer zieht jetzt freiwillig von einem schönen Italienischen Dorf nach Warschau?

    Also: ich.

    Ich fasse mich kurz: dieses Jahr werde ich 50. Und klar, 50 ist noch soooo jung! Aber mal im Ernst: 50 ist keine 20. Und auch keine 30. Dazu: ich sitze im Rollstuhl. Was ich damit meine: es passiert schon mal, dass Leute mir helfen wollen (lies: schieben). Und fast immer antworte ich: 'Na, danke. Ich schaffe's schon. Vielleicht in 10 Jahre oder so, werde ich die Hilfe brauchen. Jetzt aber, passt es.''

    Ja, witzig. Da wird gelacht. Aber mal ganz ehrlich: etwas Wahrheit wird vielleicht schon dahinten stecken? Ich meine, die Uhr läuft...

    Also meinte ich, nach über 7 Jahren in dem Italienischen Dorf, und dazu die Tatsache, dass bald mein Abrahamstag ansteht: wenn ich noch einmal zurück in eine Grossstadt möchte, ist es jetzt (oder nie). Und dann kam ich also mehr oder weniger zufällig in Warschau, letztes Jahr im März. Eine mir bis dahin völlig unbekannte Stadt, wobei ich mir eigentlich nur eins vorstellen konnte: dunkel, grau. Und aus dem Wasserhahn kommt wahrscheinlich nur kaltes Wasser. Wie naiv kann man sein.

    Weil Warschau ist eine höchstmoderne Metropole. Es gibt Wolkenkratzer, supertolle Einkaufszentren, eine völlig neu rekonstruierte Altstadt. Und alles barrierefrei: weil halt neu gebaut worden.

    Vom Lebensunterhalt betrachtet, ist es verhältnismässig günstig (Ost Europa).

    Und nicht zuletzt: Warschau ist die Stadt von Frederik Chopin. Seine Musik spürt man überall.

    Und so wie ich halt gestrickt bin: einmal eine Entscheidung getroffen, wird diese wohl durchgezogen. Keine Zeit zu verlieren.

    Unter Tränen (jawohl, auch ich bin nur ein Mensch!), habe ich mich verabschiedet von meiner alten Wohnung, und von meiner Nachbarin. Wir konnten gar nicht mehr reden, nur noch weinen, als wir uns gedruckt haben.

    Und jetzt bin ich hier. Wer sich ein wenig auskennt in Warschau: ich lebe in der Nähe von Grzybowska. Überall Läden, Restaurants usw. Und das Hallenbad gleich um die Ecke. Na, toll, oder?

    Irgendwie war ich immer schon eine Art Wanderzirkus. Nie habe ich mich wirklich 'daheim' gefühlt, egal wo ich war. Immer mit den Gedanken gespielt: ich kann meine Sachen packen und abhauen. Einfach so.

    Schon ist es mir passiert, dass ich so etwas wie Heimweh verspürt habe, kurze oder längere Zeit, nachdem ich gegangen war, nachdem ich eine Tür hinter mir zugemacht hatte, meine Schiffe verbrennt. So wie jetzt.

    ''Ich fühle mich hier Sauwohl!' schrieb heute morgen jemand auf Twitter. Dazu ein Bild vom Garten am Wasser, irgendwo in den Niederlanden. Klar. Ein schöner Ort. Aber das Wohlbefinden las ich vor allem in der Überschrift.

    Wenn ich hier bei mir aus dem Fenster rausschaue, sehe ich einen ganz netten Balkon. Jetzt ist es noch etwas zu kalt. Aber im Frühling werde ich bestimmt draussen gehen. Vielleicht sollte ich einen kleinen Tisch hinstellen. Kann ich draussen auch mal Kaffee trinken. Oder wie wäre es mit ein paar Pflanzen, wo später auch noch Blumen wachsen?

    Gestern Abend habe ich telefoniert mit meiner ehemaligen Nachbarin, in Italien.
    'Du fehlst uns sehr, Viktor!', rief sie laut, nicht ganz ohne die mir mittlerweile bekannte italienische Emotionen.
    ''Und solltest du dich mal entscheiden zurückzukommen: hier gibt's immer ein Platz für dich!'

    Aber zuerst werde ich hier bleiben. So etwas braucht halt Zeit. Bis jetzt sieht es alles ganz gut aus.

    Und wer weiss, kommt mal der Tag, wo ich sage: 'Ich fühle mich hier sauwohl.'