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  • Wie die Zeit davon läuft, über Sehnsucht, Heimweh - und Hoffnung für Morgen schöpfen

    ‚Habe mich so gefreut über meinen 50. Geburtstag!‘, antwortete mir eine Freundin vergangener Woche, nachdem ich ihr über WhatsApp gratuliert hatte. Wir haben den gleichen Jahrgang. Dazu: wir kennen uns schon seit der Grundschule. Damals waren wir 6 oder 7 Jahre alt. Ich sehe sie gleich wieder vor mir, wie sie damals ausgesehen hat. Wie die Zeit vergeht!

    Einer meiner Freunde zieht demnächst um. Beim Aufräumen ist er auf Bilder gestossen die er in den 80er und 90er gemacht hat, als er immer wieder prominente Sänger (aus den Niederlanden) besuchte. Die Bilder sind ganz witzig. Jetzt lädt er sie hoch auf seine Facebook Seite. Sieht aus wie aus einem anderen Leben. Und in den Komments fragt er sich: ‚Wie schnell läuft uns die Zeit davon!‘

    Anfang dieser Woche war ich eingeladen worden einen Vortrag zu halten für Studenten Psychologie an einer Universität in den Niederlanden. Abends nach dem Vortrag war ich am Flughafen Schiphol, gleich bei Amsterdam. Genau an dem Ort wo ich lange Zeit gearbeitet habe, bis zu dem Zeitpunkt als ich in Rollstuhl gelandet bin, Ende 1999.

    Der Ausgang des Fluges war vorgesehen im sogenannten ‚C‘ Bereich vom Flughafen. Jetzt hat sich die letzte 20 Jahren sehr vieles getan, am Flughafen Schiphol. Vieles ist geändert oder umgebaut worden. Nur der Abflugbereich ‚C‘ ist noch immer haargenau wie damals! Sogar die Fliesen am Boden sind noch immer die gleiche! Anders gesagt: über genau diese Fliesen bin ich vor etwa 20 Jahren noch gegangen, mit zwei Beinen. Und jetzt also fuhr ich im Rollstuhl über den gleichen Boden. Komisches Gefühl.

    Und vielleicht hat es mit dem Alter zu tun: auf einmal spürte ich eine extrem starke Sehnsucht nach der Vergangenheit. Was ich alles geben würde, damit ich die Uhr zurückdrehen könnte. Zurück nach dem Zeitpunkt wo ich noch gehen konnte, genau hier an dieser Stelle.

    In dem Moment habe ich um mich herumgeschaut. Ich fühlte mich übel. Als würde ich mich sofort übergeben. Weil obwohl mittlerweile schon etwa 20 Jahren vergangen sind, es fühlte sich an, als würde es in greifbarer Nähe sein: der Moment in dem ich hier zum letzten Mal gegangen bin. Aber wie könnte ich diesen Moment zurückholen? Vielleicht sollte ich mich einfach auf den Boden schmeissen und mich festklammern - wörtlich – an diese alten Fliesen, in der Hoffnung, dass die Uhr wie von Zauberhand, zurückdrehen würde bis irgendwann in die 90er....

    Als ich später am Bord vom Flieger sass, wollte ich weiter lesen im Buch ‚Der Alchimist‘ von Paulo Coelho. Der Titel ist mir empfohlen worden von einem Verwandten, als ich erzählte wie ich zurzeit etwas kämpfe mit einigen Lebensfragen. Zitat aus dem Buch: ‚‘Denn ich lebe weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Ich habe nur die Gegenwart, und nur diese interessiert mich. Wenn du immer in der Gegenwart leben kannst, dann bist du ein glücklicher Mensch.'

    Als ich rausschaute und die Lichter von Amsterdam langsam veschwanden, dachte ich zurück an was eine Studentin mich vorher am Nachmittag, nach dem Vortrag, gefragt hatte: ob ich den Studenten noch einen Tipp geben könnte, in Bezug auf den Umgang mit Patienten.

    ‚Nachdem du mit jemandem gesprochen hast, könntest du sagen: ‚Ich habe Ihnen gut zugehört.‘ Dies scheint dir vielleicht überflüssig, weil es gehört zu der Arbeit, dass du deine Patienten gut zuhörst. Klar. Also, wieso sollte man dies nochmal betonen? Weil für viele Menschen ist es gar nicht so einfach, den Schritt Richtung Psychologen zu machen, und dort ihre Geschichte erzählen. Oft hat man Angst nicht richtig verstanden, oder irgendwie nicht gehört zu werden. Also, wenn du nochmal betonst, dass du gut zugehört hast, kann dies dazu führen, dass Teil dieser Unsicherheit bei den Patienten verschwindet. Oder zumindest weniger wird.‘

    Nach dem Vortrag hatte ich mich verabschiedet von der Gruppe. Alle junge Leute, so um die Mitte 20.
    ‚Wir haben uns so gefreut, dass du da warst, Viktor.‘, sagte einer zu mir. ‚Weil wir lernen eigentlich alles nur aus Büchern. So eine Begegnung mit dir, mit jemandem der das alles selbst erlebt hat: das ist völlig etwas anders.‘

    Später ist mir dann diese Redensart eingefallen: ‚Eine Gesellschaft geht nur vorwärts, wenn es Menschen gibt die Bäume pflanzen, obwohl sie wissen, dass sie nie in ihrem Schatten sitzen werden.‘

    An diesem Nachmittag, bei der Begegnung mit den Studenten, habe ich einen kleinen Baum gepflanzt. Weil ich habe gesprochen mit zukünftigen Psychologen. Und obwohl für mich persönlich zu spät, hoffe ich, dass sie anderen Menschen helfen können, auch nachdem was wir alles besprochen haben, damit diesen Menschen nicht das passiert, was mir passiert ist.

    Als wir gelandet waren, hatte ich meinen Kopfhörer auf dem Sitz im Flieger liegen lassen. Fast hatte ich den vergessen, als die Flugbegleiterin uns (die Leute die mir immer helfen beim Aussteigen) hinterherrief: ‚Achtung! Der junge Mann hat seinen Kopfhörer liegen lassen!‘

    Der junge Mann!?